Die Mär der teuren Wohnkosten
Leitartikel Haus & Grund Nr. 3/Mai-Juni 2026:
„Wohnen wird immer unbezahlbarer.“ Kaum eine Aussage wird in Österreich und auch Vorarlberg so oft wiederholt und so selten hinterfragt. Die Daten zeigen jedoch eine andere Wahrheit.
Anlass genug für die Vorarlberger Eigentümervereinigung (VEV) das Narrativ vom galoppierenden Wohnkostenanstieg zu hinterfragen. Nicht, um Probleme kleinzureden, die für bestimmte Gruppen real und belastend sind. Sondern um die Debatte dorthin zu führen, wo sie hingehört: auf den Boden der Fakten.
Statistik Austria widerspricht dem Stimmungsbild
Im Juni veröffentlichte die Statistik Austria ihre Studie „Wohnen 2025“ – und lieferte damit den wohl eindrucksvollsten Gegenbeweis zur grassierenden Wohnkosten-Hysterie. Das zentrale Ergebnis: Die Wohnkosten sind innerhalb von zehn Jahren zwar um rund 35 Prozent gestiegen. Doch der Anteil des verfügbaren Haushaltseinkommens, der für das Wohnen aufgewendet wird, blieb im selben Zeitraum nahezu unverändert – er lag 2025 bei 15 Prozent, gegenüber 16 Prozent im Jahr 2015. Anders ausgedrückt: Die Einkommen sind mindestens ebenso stark gestiegen wie die Wohnkosten. Die vielzitierte Entkoppelung von Löhnen und Mieten findet in diesen Zahlen keine Bestätigung. Auch die Agenda Austria, die sich selbst als unabhängiger Wirtschaftsthinktank bezeichnet, kommt zu einem ähnlichen Befund: In Österreich sind die Tariflöhne in den vergangenen Jahren sogar stärker als die Bestandsmieten gestiegen. Die oft zitierte „Mietpreisexplosion“ betrifft vor allem Neuvermietungen – nicht die große Mehrzahl der bestehenden Mietverhältnisse. „Die Diskussion rund um das Wohnen ist eine der emotionalsten in der österreichischen Politik. Und genau deshalb ist sie auch eine der gefährlichsten – wenn Fakten der Stimmung weichen“, so RA Dr. Markus Hagen, Präsident der Vorarlberger Eigentümervereinigung.
Umfrage versus repräsentative Erhebung
Besonders anschaulich wird das Auseinanderdriften von Wahrnehmung und Wirklichkeit, wenn man die Ergebnisse der AK-Vorarlberg- Wohnumfrage 2026 neben die Statistik Austria legt. Die Arbeiterkammer ermittelte in ihrer Online-Umfrage, dass die Befragten im Schnitt 39 Prozent ihres Haushaltseinkommens für Wohnen aufwenden – mehr als doppelt so viel wie der österreichweite Durchschnitt von 15 Prozent. Die Diskrepanz erklärt sich bei näherer Betrachtung fast von selbst. An der AK-Online-Umfrage haben rund 2.200 Personen teilgenommen; nach Bereinigungen verblieben nur 800 auswertbare Datensätze. Die AK räumte selbst ein, dass die Verteilung der Teilnehmenden über die Vorarlberger Bezirke die tatsächliche Wohnverteilung „nur teilweise“ widerspiegelt. Wer an einer Umfrage zum Thema Wohnkosten teilnimmt, tut dies erfahrungsgemäß dann, wenn das Thema persönlich dringlich ist – was automatisch zu einer Überrepräsentation stark Belasteter führt. Ein solches Ergebnis bildet also in erster Linie eine Stimmung ab, keine gesellschaftliche Realität. Die Statistik Austria hingegen beruht auf einer ganzjährig laufenden Stichprobenerhebung von rund 20.000 Haushalten pro Quartal, ergänzt durch die EU-weite Gemeinschaftsstatistik EU-SILC mit jährlich rund 6.000 Befragungen in Österreich.
Österreich im EU-Vergleich: Wohnen ist leistbar
Im EU-Vergleich gehört Österreich zu den Ländern mit der geringsten Mietbelastung: Die Wohnkostenbelastung liegt bei rund 23 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens und befindet sich damit im unteren EU-Mittelfeld – deutlich unter Ländern wie Dänemark, Schweden oder Spanien. Für Haushalte in der gesellschaftlichen Mitte machen die Mietkosten in Österreich weniger als 20 Prozent des Einkommens aus: Damit gehört Österreich zu den leistbarsten Wohnstandorten der industrialisierten Welt. Seit Beginn der Inflationskrise 2022 ist die Mietkostenbelastungsquote in Österreich sogar leicht rückläufig – ein Umstand, der in der medialen Berichterstattung bemerkenswert konsequent fehlt. Auch der direkte Vergleich Mieten vs. Inflation bestätigt: Bestandsmieten sind in Österreich größtenteils an den Verbraucherpreisindex gekoppelt – sie können der Inflation nicht davonlaufen, sondern folgen ihr bestenfalls. Von einer „Mietpreisexplosion“ kann beim Blick auf die Bestandsmieten keine Rede sein.
Sündenbock statt Systempartner
In einer schwierigen Situation ist es immer bequem, eine überschaubare Gruppe zum Schuldigen zu erklären. Privatvermieter haben diese Rolle in Österreich – und besonders in Vorarlberg – in den vergangenen Jahren zunehmend zugewiesen bekommen. Der Vorwurf: Sie treiben die Preise in die Höhe, um sich auf Kosten der Mieter zu bereichern. Die Zahlen der Agenda Austria sprechen eine andere Sprache. Österreich belegt bei den Nettomietrenditen einen der letzten Plätze im EU-Vergleich – wer hierzulande Wohnraum vermietet, verdient damit weniger als in fast allen anderen europäischen Ländern.
Es ist in erster Linie der Fiskus, der an der Miete verdient, nicht der Eigentümer. Hagen dazu: „Wer Vermieter pauschal als Miethaie bezeichnet, macht es sich zu einfach. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Wer private Investoren aus dem Markt drängt, schafft kein leistbares Wohnen – er schafft Wohnungsmangel.“
Kostentreiber: Staat, Baukosten, Regulierung Die echten Preistreiber am Wohnungsmarkt sind anderer Natur. Die Baukosten sind in den vergangenen Jahren überproportional gestiegen. Immer strengere gesetzliche Auflagen, Sanierungspflichten, energetische Anforderungen und kommunale Erschließungsabgaben treiben die Kosten in die Höhe. Wer heute in Vorarlberg baut oder saniert, kalkuliert mit völlig anderen Kostensätzen als noch vor einer Dekade. Hinzu kommt das Paradox der gutgemeinten Regulierung. Strenge Mietzinsbeschränkungen und einseitige Mietrechtsreformen mögen kurzfristig Entlastung signalisieren – sie führen mittel und langfristig jedoch dazu, dass Investitionen in neuen Wohnraum unattraktiv werden. Wenn die Rendite die Risiken nicht mehr deckt, wird weniger gebaut. Weniger Angebot bei gleichbleibender oder wachsender Nachfrage ist das verlässlichste Rezept für steigende Preise – eine Zusammenhänge, die in der politischen Debatte regelmäßig ausgeblendet werden. In Vorarlberg verstärken strukturelle Besonderheiten diesen Effekt. Der Anteil an genossenschaftlichen oder gemeindeeigenen Wohnungen ist geringer als in anderen Bundesländern, wodurch private Eigentümer einen wesentlich größeren Teil der Wohnraumversorgung tragen.
Teuer, aber stabil
Dass Vorarlberg zu den teuersten Immobilienmärkten Österreichs zählt, ist keine Neuigkeit. Die Statistik Austria weist für 2025 bei Wohnhäusern einen Medianpreis von 5.077 Euro pro Quadratmeter aus (Platz zwei hinter Wien), bei Eigentumswohnungen 5.000 Euro pro Quadratmeter. Seit 2015 haben sich die Preise damit grob verdoppelt. Was aber häufig ausgeblendet wird: Im Vergleich zum Vorjahr sind die Preise 2025 weitgehend stabil geblieben – bei Häusern betrug der Anstieg gerade einmal zwei Euro pro Quadratmeter. Ja, Wohnen in Vorarlberg ist teuer. Ja, es gibt Haushalte – insbesondere Alleinerziehende und Alleinlebende –, für die die Wohnkostenbelastung real und drückend ist. Diese Realitäten verdienen politische Aufmerksamkeit und zielgerichtete Unterstützung. Was sie nicht rechtfertigen, ist die pauschale Dämonisierung von Eigentümern und Vermietern, die Verbreitung methodisch fragwürdiger Umfragedaten als gesellschaftliche Wahrheit oder eine Wohnpolitik, die private Investoren als Problem statt als Teil der Lösung begreift.
Statt Objekte zu regulieren und damit letztlich allen zu schaden, wäre es an der Zeit, jene Menschen gezielt zu unterstützen, die tatsächlich Hilfe brauchen. „Eine Wohnpolitik, die auf Fakten basiert, würde Menschen unterstützen, die wirklich Hilfe brauchen – statt Objekte zu regulieren und damit am Ende allen zu schaden. Genau das fordern wir seit Jahren”, meint Hagen abschließend.
