zurück zur Übersicht

Mythos „Leistbares Wohnen“? Statistiken sehen kritische Grenze weit entfernt

Leitartikel Haus & Grund Nr. 2/März-April 2016:

Spannende Podiumsdiskussion auf dem Immobilien Forum West: Unter dem Titel „Luxusgut Wohnen – wie schaffen wir die Trendwende?“ debattierten fachkundige Experten, darunter VEV-Präsident Markus Hagen, über die Notwendigkeit einer Kostenreduktion beim Bauen und Wohnen. Hagen machte deutlich: Die emotional geführte öffentliche Debatte verschließe die Augen vor den Fakten – würden die durchschnittlichen Wohnkosten in Vorarlberg doch „nur“ 17 Prozent des Haushaltseinkommens betragen.

Es ist bereits seit Jahren eines der bestimmenden Themen in der tagespolitischen Diskussion – und hat auch dem diesjährigen Immobilien Forum West, bei dem die Vorarlberger Eigentümervereinigung (VEV) erneut als Partner inErscheinung getreten ist, deutlich seinen Stempel aufgedrückt. Die Rede ist vom emotional getriebenen Thema „Leistbares Wohnen“, das im Rahmen einer Podiumsdiskussion bei den TeilnehmerInnen für Gesprächsstoff sorgte. Landesstatthalter Karlheinz Rüdisser, Raumplanungs-Experte Arthur Kanonier, Günther Ammann als Fachgruppen-Obmann der Immobilien- und Vermögenstreuhänder sowie VEV-Präsident Markus Hagen diskutieren mit Veranstalter Dieter Bitschnau von wikopreventk unter dem Titel „Luxusgut Wohnen –wie schaffen wir die Trendwende?“ über das facettenreiche Thema. Dabei wurde deutlich: Bereits die Definition – Was genau ist unter leistbares Wohnen zu verstehen? – führt zu Verwirrung. Doch von Anfang an.

OIB-Richtlinien überarbeitet

Überbordende Bauvorschriften zählen zu den größten Kostentreibern am Bau, waren sich die Diskussionsteilnehmer einig. Ein Umstand, der mittlerweile auch bis zur Politik durchgedrungen ist.Anfang 2015 nahm daher die vom Land Vorarlberg installierte „Expertengruppe Deregulierung“ unter Mitwirkung der Wirtschaftskammer ihre Arbeit auf, um nach Vereinfachungen und Erleichterungen allen voran im Baurecht und im Rahmen der OIB-Richtlinien zu suchen. Letztere wurden nun zum Teil deutlich vereinfacht. Ob das für die Politik bereits ausreicht? „Das kommt darauf an, wie schnell man sich zufrieden gibt“, ließ Rüdisser Interpretationsspielraum. Und trotzdem: Die Ergebnisse würden sich sehen lassen können. „Wir haben eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen gemacht und die Regelungsdichte deutlich reduziert. Es mag wie Peanuts klingen, wenn beispielsweise die „lichte Breite“ an beiden Seiten um zehn Zentimeter reduziert werden kann – bei einem größeren Gebäude fällt das aber maßgeblich ins Gewicht“, so Rüdisser mit Verweis auf ein konkretes Beispiel. Von einem „großen Wurf“ wollte Ammann als Fachgruppen-Obmann der Immobilien- und Vermögenstreuhänder trotzdem nicht sprechen. „Aber es ist zumindest eine Unterstützung“, sagte er. Nur: Die Grundstückspreise hätten einen deutlich größeren Einfluss auf die Baukosten, ist Ammann überzeugt. „Die Raumplanung ist in Teilbereichen reduziert und im Gesamten nicht koordiniert“, ärgert er sich.

Probleme sieht der Immobilien-Fachmann zudem bei der Baunutzungszahl, gäbe es beim Thema verdichtetes Bauen doch gerade auf kommunaler Ebene noch häufig erbitterten Widerstand. „Man muss sich schon die Frage stellen, ob die Entscheidung bezüglich der Baunutzungszahl bei der Gemeinde auf der richtigen Ebene gefällt wird“, so Ammann. Von einer diesbezüglichen Änderung will aber zumindest Rüdisser nichts wissen. „Ich glaube, dass das ein ganz elementarer Teil der Ortsentwicklung ist und auch von den Gemeinden festgelegt werden muss. Zudem ist es illusorisch anzunehmen, dass der Anrainer, wenn die Baunutzungszahl vom Land festgelegt wird, mehr Verständnis dafür hätte“, argumentiert er. Auch Raumplanungs-Experte Kanonier hält diese Maßnahme für wenig sinnvoll.

Alternative zur „Steuerkeule“

Was also tun, um beim Wohnen auf die Kostenbremse zu drücken? Mit wenig kreativen Vorschlägen wie neuen Steuern oder gar dem Ruf nach Enteignung kann VEV-Präsident Hagen nichts anfangen. „Immer dann, wenn die öffentliche Hand versagt, kommt die große Steuer-Keule“, ärgert er sich. Wenig überraschend, sei die Besteuerung von Haus und Grund – ein Vermögenswert, der im Gegensatz zu liquiden Finanzmitteln nicht exportierbar sei – die einfachste Variante. „Aber auch die gefährlichste“, macht er deutlich.

Ganz grundsätzlich sehe er das Thema „Leistbares Wohnen“ entspannter als es die Emotionalität der Diskussion vielleicht erahnen lassen würde. Die Öffentlichkeit lasse sich „ein Stück weit vor sich hertreiben“. Denn: Statistische Zahlen und internationale Vergleiche würden deutlich zeigen, dass die Kosten für Wohnen in Vorarlberg weit unter der kritischen Grenze von 40 Prozent (Empfehlung der EU) und auch von 25 Prozent (Statistik Austria) des verfügbaren Haushaltseinkommens liegen. Aktuell vorliegende Studien wie jener der Agenda Austria und auch die vom Land in Auftrag gegebene zur Armut in Vorarlberg zeichnen ein Bild, wonach die durchschnittlichen Wohnkosten bei „lediglich“ 17 Prozent (ohne Betriebskosten) bzw. 2o Prozent (mit Betriebskosten) des Haushaltseinkommens liegen. Österreichweit liege dieser Schnitt bei 22 Prozent. „Da darf man dann schon berechtigterweise die Frage stellen, warum wir hierzulande darüber diskutieren, dass das Wohnen in Vorarlberg nicht mehr leistbar ist“, argumentiert Hagen.

Treffsicherheit erhöhen

Wichtiger sei es, sich über die Treffsicherheit des sozialen Wohnbaus zu unterhalten. „Es ist zweifelsohne so, dass sich sozial Schwache auf dem Wohnungsmarkt schwer tun, da kann es prekär werden. Nur: Genau für sie ist der soziale Wohnbau gedacht“, sagt der VEV-Präsident. Oftmals sei es jedoch so, dass in den Wohnungen des sozialen Wohnbaus keine sozial Schwachen wohnen würden. „Primär müssen wir schauen, wie wir diese Wohnungen jenen zukommen lassen, die sie auch wirklich benötigen“, sagt Hagen.

Dornbirn, im April 2016